Indien: Kathakali

Menschen, Götter und Dämonen

 

Es ist 18 Uhr, und bald wird die Sonne als glutroter Ball hinter den Teeplantagen an den Hängen der Cardamom Hills versinken. In den Straßen des kleinen Örtchens Kumily, bekannt als Handelsplatz für Gewürze, riecht es nach Kardamom und Zimt, nach Muskatnuss, Nelken und Pfeffer.

 

Sunil und Kiran sitzen mit nacktem Oberkörper am Rand der kleinen Bühne im Mudra-Theater, vor sich ihre Schminkutensilien. Schon im Kindesalter haben die beiden jungen Männer an einer Kathakali-Schule in Kottayam mit ihrer Ausbildung begonnen und bereiten sich jetzt auf eine ihrer täglichen Aufführungen vor.

 

Das Kathakali, diese Mischung aus Tanz und Musik, Drama und Ritual, erzählt Geschichten aus den indischen Nationalepen Mahabharata und Ramayana. Alle Rollen werden von männlichen Darstellern gespielt, deren Ausbildung bis zu zehn Jahre beträgt.

Eine traditionelle Kathakali-Vorstellung findet meist zu religiösen Festen statt. Sie beginnt abends und geht oft bis zum Morgengrauen, wenn als dramatischer Höhepunkt der Aufführung ein böser Charakter oder ein Dämon getötet wird.

 

Kiran taucht ein dünnes Holzstäbchen in die grüne Farbe und streicht sie auf seine Wangen. Grün ist die Farbe für einen positiven Charakter, für edle Helden und wichtige Gottheiten. Und mit jedem Pinselstrich wird Kiran mehr zu Jayantha, dem hübschen Sohn Indras.

 

Auch das Publikum spürt das und sieht fast atemlos dieser meditativen Szene zu.

 

 

Zwei Jungs betreten die Bühne und helfen Sunil und Kiran in ihre farbenfrohe Kleidung und den üppigen Schmuck. In jahrelang geübter Fingerfertigkeit und mit Hilfe eines langen Bandes zurrt sich Kiran mehrere Lagen von Plastik-Reissäcken um die schmale Taille. Sie werden später unter dem prächtigen Gewand einen hervorragenden "Petticoat" abgeben.

 

Die beiden Musiker nehmen ihre Plätze ein. Ihre Instrumente sind Zimbeln und die Madhalam, eine hölzerne Trommel, deren Lederbespannungen an den beiden Seiten unterschiedliche Töne erzeugen.

 

Und dann beginnt die eigentliche Vorstellung; ein Auszug aus dem meist an Diwali gespielten "Narakasura Vadha", dem Mord an Narakasura.

 

Die Vorgeschichte ist schnell erzählt: Narakasura, der Dämonenkönig, hat Lust auf Sex mit einigen der himmlischen Schönheiten. Er sendet seine Stellvertreterin Nakrathundi, eine Dämonin, in den Himmel, um ihm einige der Ladies - notfalls mit Gewalt - zu besorgen. Auf dem Rückweg mit den geraubten Damen sieht die Dämonin den hübschen Jayantha und verliebt sich auf der Stelle bis über beide Ohren in ihn. Sie verwandelt sich in die schöne Lalitha und nähert sich ihm mit verführerischen Tanzschritten …

 

Wir verfolgen die Handlung, in der fast ganz ohne Text, nur mit Mimik und den Gesten der beiden Darsteller ein ganzes Spektrum an Emotionen gezeigt wird, unterstrichen von der Musik.

 

Lalitha wirbt um Jayantha, verspricht den Himmel auf Erden und macht ihm sogar einen Heiratsantrag, doch der Sohn Indras ist nicht so schnell zu verführen. Er zögert, diskutiert, möchte erst noch einmal mit seinem Vater über die Sache sprechen und weist Lalitha ab.

 

Hitzige Wortgefechte folgen, in denen die Dämonin den Sohn des Gottes heftig bedrängt und schikaniert. Schließlich wird sie so zornig, dass sie wieder ihre wahre Gestalt annimmt und Jayantha angreift.

 

Da gibt es für den Bedrohten nur noch eine Möglichkeit: er zückt sein Schwert und schneidet ihr Nase, Ohren und Brüste ab.

 

Mit einem gewaltigen, zornigen Schrei entkommt Nakrathundi, und Jayantha verlässt den Ort, um zu seinem Vater zurückzukehren und ihm alles zu berichten ...

 

 

 

Standing ovations; wir haben sie wirklich gesehen und erlebt, den Sohn Indras und die Stellvertreterin des Dämonenkönigs.

 

Und plötzlich stehen da wieder Kiran und Sunil auf der Bühne. Aufmerksam verfolgen die beiden, wer die meisten Rupienscheine in die kleine herumgereichte Trinkgeld-Box steckt. Um diesem dann ein bezauberndes Lächeln fürs Schlussfoto zu schenken.

 

© 2003

 


Indien: Backwaters

Aufwachen in Kerala

 

 

Am Abend vorher hatte sie unter den leidenschaftlichen Klängen von Hindi-Pop, der vom anderen Ufer zu ihnen herüberschallte, köstlich gespeist, und der Duft nach Basmatireis, nach Kokosöl und würzigem Curry war durch die umgebaute Reisbarke gezogen. Ein eiskaltes Kingfisher, und später dann die Moskito-Spirale. Backwater-Düfte, uralt und vertraut.

 

Früh war sie eingeschlafen, müde geworden von einem langen, erfüllten Tag unter der südindischen Tropensonne und eingelullt vom Plätschern kleiner Wellen am Bootsrumpf.

 

Als sie die Augen wieder aufschlug, waren die Sterne verschwunden, und Kokospalmen sahen durch das Rattanfenster herein. Sie gähnte und streckte sich, spürte ihren Träumen nach im kratzigen Rosa des Moskitonetzes und den zahlreichen Falten des Lakens.

 

 

Dann hörte sie leises Töpfeklappern aus der Kombüse; gleich würde Bhinu in der Tür stehen und ihr mit seinem scheuen Lächeln den Early Morning Tea servieren. Der Tag würde gut werden, das wusste sie.

 

© 2003