Eines Tages wirst du alt genug sein,
um wieder Märchen zu lesen.
Clive Staples Lewis (1898-1963)
Vorbemerkung
Nach wie vor schreibe ich meine Berichte und Geschichten ohne die Zuhilfenahme von KI, und so wird das auch bleiben. Aber diesmal habe ich mir die Titelbilder von einer KI malen lassen; schließlich geht es hier ja auch um Märchen.
Karte aus dem Buch von E. M. Iba; Ausschnitt (s.u.)
Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm wurden 1785 und 1786 in Hanau, 20km östlich von Frankfurt, geboren. Hier beginnt sie dann auch, die Deutsche Märchenstraße. Die Ferienstraße führt seit 1975 über 600 Kilometer bis nach Bremen, der Stadt der Bremer Stadtmusikanten, und reiht die Lebensstationen der Brüder Grimm sowie Orte und Landschaften, in denen ihre Märchen beheimatet sind, an einem Reiseweg aneinander.
Huteweg im Reinhardswald mit uralten Eichen und Rotem Höhenvieh, einer heute fast ausgestorbenen, alten Rasse.
Im Nordhessen liegt das älteste Naturschutzgebiet des Bundeslandes, der Reinhardswald. Mit über 200 km² Fläche ist er eine der größten Waldflächen und eines der am wenigsten besiedelten Gebiete Deutschlands; innerhalb Hessens stellt er zudem das größte in sich geschlossene Waldgebiet dar, in dem insbesondere Buchen und Eichen gedeihen.
Der Reinhardswald ist ein uralter Hutewald, in dem früher Schweine und Rinder weideten, und damit eine Kulturlandschaft, über 1000 Jahre alt.
In diesem Wald machten wir die empfehlenswerte WWF-Erlebnistour "Die Geheimnisse der Baumriesen" mit dem Wildnispädagogen Marcel Gluschak. Sieben Stunden lang auf schmalen Wanderwegen und Pfaden unterwegs durch ein manchmal etwas unwegsames Waldgelände, das das Unwetter der vorangegangenen Nacht schön matschig und herausfordernd gestaltet hatte, erfuhren wir sehr viel über das faszinierende Leben der Bäume. Eine kurzweilige, vielseitige und erlebnisreiche Tour, die ich jedem nur empfehlen kann.
Der Reinhardswald ist aber auch die Heimat zahlreicher Sagen, Legenden und Märchen. Mehrere Sagen berichten über die Entstehung des Waldes. Einst gehörte das Land dem spielsüchtigen Grafen Reinhard. Er verlor bei einem Würfelspiel all seinen Besitz an den Bischof von Paderborn. Angeblich, um seinem Gegner nicht das kahle Land überlassen zu müssen, erbat er sich eine letzte Ernte, ließ überall Eicheln ausstreuen (die natürlich einige Zeit bis zur Ernte brauchen) und schuf so den heutigen Wald.
Nicht ohne Grund wird der Reinhardswald als Märchenwald bezeichnet. Historische Burgen, alte Bäume und idyllische Bäche inspirierten bereits die Brüder Grimm zu ihren bekannten Märchen. Die Sababurg und der Rapunzelturm der Burg Trendelburg sind die bekanntesten Schauplätze Grimm‘scher Märchen, die sich im Naturpark Reinhardswald befinden.
Die Sababurg mit ihren typischen "welschen Hauben". Bei den Kühen war die KI offensichtlich gedanklich noch im Hutewald.
Die Sababurg mit ihrer langen Geschichte thront mitten im Reinhardswald auf einer Basaltkuppe, die in der sonst von Buntsandstein geprägten Umgebung herausragt.
Die Burg wurde 1334 zum Schutz der Pilger aus dem nahen Wallfahrtsort Gottsbüren erbaut, diente aber auch als Grenzfestung. Nach verschiedenen Auseinandersetzungen gelangte sie 1462 in den Besitz Hessens. 1490 zum Jagdschloss umgebaut und im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) von katholischen Truppen durch Feldmarschall Tilly besetzt, wurde die Burg stark beschädigt. Danach verfiel das Schloss zusehends.
Da die verfallene Schlossanlage zu jener Zeit von einer langen und hohen Dornenhecke umrankt war, mag sie als Vorlage zum Grimm'schen Märchen von Dornröschen gedient haben und heißt seither im Volksmund "Dornröschenschloss". Es erlebte eine wechselvolle Geschichte: besetzt von französischen Soldaten und später als Forsthaus genutzt, wurde es zuletzt Ende der 1950er Jahre vom Land Hessen zu einer Art Schlosshotel renoviert. Damit wurde das Dornröschenschloss zu einer weit über die Grenzen hinaus bekannten gehobenen Hoteladresse für gute Küche und Events.
Das Dornröschenschloss wird zwar nicht mehr von einer riesigen, undurchdringlichen Dornenhecke umschlossen, aber die Ruine war ab 2018 wegen umfassender und aufwendiger Sanierungsarbeiten für Besucher nur noch eingeschränkt geöffnet. Hotel und Restaurant wurden geschlossen und später abgerissen. 2020 begannen erste Rückbauarbeiten, die jedoch u.a. aus wirtschaftlichen Gründen nach vier Jahren schon wieder gestoppt wurden.
Zurzeit (2026) ist die gesamte Burganlage für Besucher geschlossen. Wann der Umbau weitergehen wird, weiß offensichtlich niemand so genau. Die zuständigen Behörden gehen davon aus, dass der Hotel-Neubau frühestens 2028 beginnen kann.
Aber vielleicht versinkt das Dornröschenschloss wie seine Namensgeberin im Märchen ja auch in einen hundertjährigen Schlaf …
Meine Fotos der Ruine Sababurg stammen von einem Besuch im September 2023 und geben einen kleinen Einblick in den damaligen Zustand der Anlage:
Rapunzelturm der Burg Trendelburg. Nach der KI braucht der Prinz eindeutig keinen Haarzopf, um mühsam daran hochzuklettern. Es gibt eine Tür im Turm - und innen bestimmt auch eine Treppe.
Besser als die Sababurg hat es eindeutig die in der Nähe liegende Märchenburg Trendelburg getroffen, die sich über den Dächern des gleichnamigen Städtchens erhebt. Hier soll einst Rapunzel in
ihrem Turm gelebt und auf ihren Prinzen gewartet haben.
Erbaut auf einem Bergsporn hoch über der Diemel ist die trutzige Burg weithin sichtbar. Über 40 Meter ragt der imposante Bergfried empor, und es ist gut vorstellbar, dass von dort oben Rapunzel ihr langes Haar herabließ.
Doch nicht nur das Märchen von Rapunzel ist auf der Trendelburg zu Hause; hier kann man heute auch vorzüglich übernachten und tafeln. Die 700 Jahre alte Burganlage beherbergt ein romantisches Hotel, ein Restaurant, einen Gewölbekeller, eine Burgkapelle sowie ein Standesamt. Es gibt ein Foltermuseum, ein Angstloch sowie eine Grimm’sche Etage. Wer die über 130 Stufen des Rapunzelturms nach oben steigt, hat zudem eine fantastische Aussicht über die waldreichen Hügel des Diemeltals, gleiches gilt von der Außenterrasse im Burghof.
Der Ursprung der historischen Ritterburg, die zum Schutz der hier verlaufenden Handelswege erbaut wurde, geht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Urkundlich erwähnt wurde sie erstmals 1303.
Die Burg Trendelburg wurde bei Stadtbränden sehr in Mitleidenschaft gezogen, und ähnlich wie die Sababurg wurde sie im 30jährigen Krieg zerstört und 1676 als Jagdschloss wieder hergerichtet. Französische Truppen nahmen sie im 7jährigen Krieg ein, in späteren Jahren nutzte man sie als Forstamt, und ab 1901 als Wohngebäude. Seit 1949 dienen die Burggebäude als Hotel und Restaurant.
Im Jahre 1996 übernahm die Unternehmensgruppe Dr. Lohbeck die Burg und erweckte die alten Mauern wieder zum Leben. Mit viel Liebe zum Detail wurde jedes einzelne der 22 Hotelzimmer ganz
individuell in die Gegebenheiten der historischen Burg eingebettet; kein Zimmer gleicht dem anderen. So ist die Zukunft der Burg durch die Wiedereröffnung langfristig gesichert.
"Das einzigartige historische Ambiente, verbunden mit der persönlichen Atmosphäre des Hauses, garantiert einen unvergesslichen Aufenthalt" ist auf der Webseite des Hotels zu lesen, und das kann
ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen.
© 06/2026
Hier ein paar Eindrücke von unserem Aufenthalt auf der Burg Trendelburg:
Wer auch einmal hier (vielleicht sogar im Rapunzelturm) übernachten möchte:
Quellen
Eberhard Michael Iba: Deutsche Märchenstraße. CW Niemeyer 2023
Wikipedia
Informationsmaterial der Trendelburg
Falls Ihr etwas dazu sagen wollt:
hier ist der Platz dafür!

Hedi (Freitag, 03 Juli 2026 15:28)
Es gibt so viele erstaunliche Dinge in Deutschland, von denen ich nie gewusst habe - diese Grimm'sche Märchenstraße z.B.
Der Aufenthalt in der Trendelburg muss wahrhaft märchenhaft gewesen sein!
Vielen Dank für deinen Bericht in Verbindung mit deinen - wie immer - hervorragenden Fotos.
Anne (Freitag, 03 Juli 2026 11:48)
Einfach märchenhaft! Da fällt mir doch glatt der früher übliche Anfang dieser "Erzählungen" ein: zu einer Zeit, da das Wünschen noch geholfen hat ...